Wir trauern um Young-Do Yoo

Ich glaube, Gott hat uns in diese Welt gestellt, um darin glücklich zu sein und uns des Lebens zu freuen. Das Glück ist nicht die Folge von Reichtum oder Erfolg im Beruf und noch weniger von Nachsicht gegen sich selbst.

Robert Stephenson Smith Baden-Powell, Lord of Gilwell
Gründer der Pfadfinderbewegung

 

Nachruf von Therese Zimkowsky

Young-Do Yoo starb am 12. April 2016 mit 74 Jahren. Mit dem Zitat von Baden-Powell auf der Karte anlässlich der Trauerfeier am 19. April haben Hans-Jürgen Poppek und Therese Zimkowsky die Verbundenheit von Young-Do zum VCP in Wolfsburg ausgedrückt.

1991 begleiteten Young-Do und seine Frau Kyoung-Suk unseren VCP Trupp Niedersachsen zum 17. World Scout Jamboree nach Korea. Wir kannten Suk als Lehrkraft in der Heilpädagogischen Bildungsstätte (der heutigen Peter-Pan-Schule) und fragten sie früh an, ob sie uns bei den Vorbereitungen auf das Land Korea helfen kann.

Sie konnte und war erfreut, uns von ihrem geliebten Heimatland zu erzählen. Bald schon reifte der Entschluss, Suk und ihren Ehemann Young-Do zu fragen, ob sie uns begleiten können nach Korea, um uns den gesamten Umgang mit Land und Leuten zu erleichtern. Aus dieser Wolfsburger Initiative entstand im VCP-Kontingent die Erkenntnis, für die anderen VCP-Trupps junge Studenten vom Goethe-Institut in Korea zur Begleitung der Trupps anzufragen. Dies wurde auch umgesetzt.

Der Vorteil, den wir hatten, lag in den beiden wunderbaren Menschen Suk und Young-Do. Als ältere Personen genossen sie Respekt in der asiatischen Gesellschaft. Und sie kannten sich aus. Wir können mit Recht behaupten, dass wir während unserer Rundtouren die beste Verpflegung aller Trupps hatten. Suk war im Einkauf auf dem Markt unschlagbar und sie war eine begnadete Köchin, die unseren Trupplingen die Liebe zur koreanischen Küche beibrachte und sie bei den Vorbereitungen einzubinden verstand. Young-Do war der Umgang mit Jugendlichen vertraut. Er war Trainer der Judo-Sparte des TV Jahn Wolfsburg und er hatte Kontakte, die uns und auch dem Kontingent bei vielen Gelegenheiten sehr geholfen haben.

Die Art von Young-Do, mit unseren Pfadfinderinnen und Pfadfindern umzugehen, war erfrischend, humorvoll und einfallsreich. Und er konnte körperlich mit ihnen locker mithalten. Das alles wird den Pfadis sicher in Erinnerung geblieben sein. Als ein Beispiel für seine Art, mit Kindern generell umzugehen, sei die Situation auf der Fähre nach Cheju-Island genannt, auf der viele kleine koreanische Jungen mit uns fuhren, die wie Kletten an unseren „Großen“ hingen, es supertoll fanden, von ihnen beachtet zu werden und ihre Visitenkarten zu bekommen, die sie bald stürmisch erbaten. Sie versuchten die Namen auf den Karten zu lesen und lachten sich kaputt darüber. Young-Do hörte, wie Therese die Trupplinge mahnte, noch ein paar Visitenkarten für das Jamboree aufzuheben. Young-Do sprach mit ernstem Ton zu den kleinen Jungen, die erschrocken die Karten zurückgaben. Wir fragten Young-Do, warum er so streng war und dass die Karten für die Jungen ein schönes Spiel bedeuteten und es in der Verantwortung unserer Trupplinge lag, wieviel sie ausgaben. Mit Augenzwinkern erklärte Young-Do: „Pädagogik, weißt du! Ich habe den Jungen erklärt, dass auf den Karten die volle Anschrift gedruckt ist, weil jeder, der sie erhält, schreiben muss. Es ist egal ob in Koreanisch, Englisch oder Deutsch – aber schreiben müssen sie! Und ehrlich, wenn wir an Land sind, schmeißen die Jungen die Karten weg, weil sie für sie keine Bedeutung haben, aber die Pfadfinder brauchen sie noch.“ Wir haben noch nie kleine Jungen erlebt, die so schnell und freiwillig ihre Beute herausrückten…

Ein wichtiges Thema brachte uns Deutsche in Korea immer wieder in Gespräche mit Koreanern. Es war das erste Jamboree nach der Wiedervereinigung. Die Koreaner wollten von uns wissen, wie wir es fertig gebracht hatten, ohne Auseinandersetzungen die Wiedervereinigung geschafft zu haben. Das koreanische Herz schlägt für die eigene Wiedervereinigung. Young-Do hat in der Vorbereitung dazu unsere jungen Pfadfinderinnen und Pfadfindern die Bedeutung dieses friedlichen Vorgangs mit seiner eigenen Geschichte vor Augen geführt. Er floh aus Nordkorea, sein Vater war verschleppt und die Familie hat nie wieder etwas von ihm gehört. Viele Familien sind getrennt. Aber anders als in der deutschen Geschichte weiß niemand etwas über sie im jeweils anderen Land. Das ist unvorstellbar grausam. Und die Angst vor der Invasion aus dem Norden ist groß. Niemand glaubt in Südkorea, dass es friedlich zu einer Vereinigung des Landes kommen kann. Die Angst geht so weit, dass jeden Abend die Strände glatt gekämmt werden und am nächsten Morgen der Grenzschutz nachsieht, ob jemand den verschlossenen Strand betreten hatte. Das ginge nur vom Meer aus und könnte einen Besuch aus Nordkorea bedeuten. So waren wir 1991 ein großes Wunder für sie und sie konnten quasi als einziges Land weltweit nachempfinden, was die Trennung und vor allem die Wiedervereinigung bedeuteten.

Als bekannter Sportler in Korea reichten seine Verbindungen immer noch bis hin zu den Sportbatallionen der Armee. Und so waren wir der einzige Trupp, der als Gast dieser Sportsparte an der koreanischen Grenze war, inklusive des Besuchs der berühmtberüchtigten Tunnel. Wir sahen die Geisterstadt in Nordkorea und hörten die immer wiederkehrende Propaganda, die laut aus dem Norden in den Süden hallte.

Young-Do war koreanischer Tekundo-Meister mit olympischer Qualifikation. Er studierte Soziologie und Diplomatie in Seoul. 1968 heirateten Suk und Young-Do und bald darauf kamen sie im Rahmen eines Austausches nach Wolfsburg – und sie blieben.

Schnell machte er sich einen Namen als Trainer der Wolfsburger Judokas und später als landes- und bundesweiter Kampfrichter. Erst kürzlich erhielt er den 9. DAN, eine seltene Auszeichnung im Judo weltweit. Mehr über ihn als Judoka könnt ihr erfahren, wenn ihr in Google seinen Namen Young-Do Yoo eingebt. 

Wir hatten nur in einer kurzen Episode intensiven Kontakt mit ihm. Young-Do wird allen in Erinnerung bleiben, die mit ihm ein Stück des Weges gehen konnten. Heute hörten wir in der Trauerfeier einen Judoka-Satz von ihm, der ihn gut in seiner Haltung zu seinem Tun beschreibt. Er sagte seinen jungen Judokas immer wieder: „Der Gürtel hält lediglich die Jacke zu!“

Wir trauern um ihn mit seiner Familie.

Impressionen vom Jamboree in Korea (1991)

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