Unsere Erinnerungen an Richard von Weizsäcker

„Bundesarchiv Bild 146-1991-039-11, Richard v. Weizsäcker“ von Bundesarchiv, Bild 146-1991-039-11 / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_146-1991-039-11,_Richard_v._Weizs%C3%A4cker.jpg#mediaviewer/File:Bundesarchiv_Bild_146-1991-039-11,_Richard_v._Weizs%C3%A4cker.jpgHeute nahm Deutschland im Berliner Dom Abschied von Richard Karl Freiherr von Weizsäcker, dem 6. Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland von 1984 bis 1994. Die Reden nach dem Gottesdienst, die im Staatsakt von führenden Politikern gehalten wurden, beschrieben ihn mit seinen Werten als klugen und diplomatischen Politiker und Bundespräsidenten, als klassischen Musikkenner, als verantwortungsvolles Familienoberhaupt.

Die Beschreibungen seiner Person und seines Auftretens trafen den Kern, den auch wir in einer Maßnahme des Bezirks kennenlernen durften. Regelmäßig lud von Weizsäcker zu einem Jugendtreffen in die Parkanlage der Villa Hammerschmidt in Bonn ein. Im Jahr 1988 war das Motto des Treffens „Jugend überwindet Grenzen“. Der damalige Leiter der Bundeszentrale Wolfgang Loh fragte uns an, ob wir mit unserer Behindertenarbeit, die uns stark mit dem norwegischen Pfadfinderverband NSF in Larvik verband, daran teilnehmen wollten.

Foto: Ellen Refsholt †Mit insgesamt sechs Personen reisten wir an, drei aus Larvik, drei aus Wolfsburg. Im Vorfeld gestalteten wir gemeinsam eine Ausstellung mit den Eckpunkten unserer Freundschaft, beschrieben die vorsichtige Annäherung, denn Anfang der 70iger Jahre war die norwegische Bevölkerung vielfach sehr zurückhaltend gegenüber den Deutschen. Vertrauensbildend wirkte sich unser gemeinsames Engagement aus, behinderten jungen Menschen in unseren Verbänden einen berechtigten Platz zu schaffen. Die Arbeit mit mental behinderten jungen Menschen lernten wir in Larvik kennen, wagten uns schließlich selbst an diese verantwortungsvolle Aufgabe. „Jugend überwindet Grenzen“ – eine bessere Überschrift konnte die Entwicklung zwischen uns nicht bekommen.

Bis heute werten die Beteiligten dieser Maßnahme die Aktion beim Bundespräsidenten sehr hoch. Richard von Weizsäcker und seine Ehefrau Marianne waren reizende und zuhörende Gastgeber. Als der Bundespräsident bei uns in der Themenhalle umringt von Journalisten und Jugendlichen sich anhörte, was das Hauptthema dieses Ausstellungszeltes sei, unterhielten wir uns mit Marianne von Weizsäcker. Sie hielt sich an unserem Stand sehr lange auf, wir hatten eine wirklich gute und anregende Diskussion sowohl zum deutsch-norwegischen Kontakt als auch zur Behindertenarbeit in beiden Ländern. Das Ehepaar Weizsäcker teilte sich diese Veranstaltung sehr klug auf. Während der Bundespräsident in aller Öffentlichkeit und von Interesse umringt war, holte seine Ehefrau quasi unbehelligt von den Menschentrauben die Informationen ein und führte ihren Ehemann Foto: Ellen Refsholt †beim Rundgang durch die Stände des Zeltes an die Stellen, die ihr besonders interessant erschienen. Wir waren stolz, dass sie ihren Mann auch zu uns führte. Ein wenig sprachlos war er, als Kjell Peel, der norwegische behinderte Pfadfinder, ihn begrüßte mit: „Do you speak English“, und sofort darauf munter norwegisch auf ihn einredete und dabei uns alle vorstellte. Erling Refsholt überreichte Richard von Weizsäcker seinen wunderschönen geschnitzten Stab mit den Symbolen der Pfadfindergesetze.

Später diskutierten wir mit Richard von Weizsäcker sogar über Nachhaltigkeit und Vermeidung von Müll bei Veranstaltungen wie diesen. Weizsäcker nahm nicht einfach die Kritik hin, er wollte sofort wissen, welche Vorschläge die Kritiker zum Problem hatten, holte sich somit selbst mehr Informationen ein und informierte seinerseits über alle Möglichkeiten, die dazu schon gedacht und erprobt waren, aber nicht zum gewünschten Erfolg führten. Richard von Weizsäcker hörte zu, sondierte, diskutierte und gab auch seine Erkenntnisse preis. Ein Gespräch mit ihm war anregend und fruchtbar, weil er seine Gesprächspartner ernst nahm. Er versprach nichts, was er nicht halten konnte. Einem Schüler z.B. versprach er nicht, die von ihm vorgetragene und berechtigte Klage zu lösen, aber er versprach, sich darum zu kümmern. Er sagte dem Jungen: „Manchmal reicht es, wenn der Bundespräsident eine Frage an der richtigen Stelle stellt. Ich verspreche dir, ich werde fragen.“ Und niemand zweifelte, dass er das auch tun würde.

Wer weiß, vielleicht liegt in der Sammlung aller Geschenke an den 6. Bundespräsidenten auch noch der Stab mit den Pfadfindergesetzen.

0 Kommentare

Schreib einen Kommentar